


 Oder: Weshalb man das Wort Zicke besser nicht verwenden sollte

Als ich an diesem Julitag auf dem D-Steg der Netsel-Marina ankam, war es anders als je zuvor. Nach einer 14 stündigen Odyssee mit unklaren Wartezeiten erreichte ich Daisy dann doch noch. Völlig zerschlagen und von den Strapazen einer Reise ins Unvorhersehbare gezeichnet.
Mit großer Freude kam mir ein schwanzwedelndes Wesen entgegen, das ich nun mehr als 12 Stunden nicht gesehen hatte und die ich nun endlich wieder in die Arme nehmen durfte.
Den Umstand dieser umständlichen Umstände habe ich einer jungen gutaussehenden Abfertigerin am Flughafen Schönefeld zu verdanken.
Und das war so:
Kurz vor halb war es, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte und mit wenigen Kleinigkeiten abgeholt wurde. Ich brauche keine 30 kg, um 7 Wochen in der Türkei zu verbringen. Auf der Daisy, einer 13m-Segelyacht, wartet auf mich und die Namensgeberin alles, was das tägliche Leben so benötigt. Gegen 18h erreichten wir den Flughafen, die Schlange der Reisenden zum Flug nach Dalaman um 20.05 war bereits lang. Die Abfertigung ging los und doch dauerte es mehr als 30 Minuten, bis ich als ungefähr Zwanzigster in meiner Reihe dran war. Alles Routine wie schon hundertmal in den vergangenen elf Jahren, die ich mit der kleinen Cockerdame unterwegs bin. Ticket, Ausweise, Hundepass in der Hand und einen Fünfzig-Euro-Schein zur Zahlung des „dog-in-cabin“ – dem zugegebenermaßen nicht ganz bequemen Platz unter dem Sitz meines Vordermannes zu meinen Füßen. Daisy, um die es im weiteren gehen wird, ist elf Jahre alt und lebt als äußerst ruhige Partnerin an meiner Seite, wo immer ich hingehe.
Dies ist das so ziemlich einzige Privileg, das ich mir durch nichts und niemanden nehmen lassen möchte. Nicht nur, dass ich den Hund ordentlich vorab angemeldet hatte, nein, sie lag bereits in der verschlossenen – eigens für Reisehunde konzipierten – Tasche. Niemand hatte sie bemerkt, was man daran sah, dass die hinter uns geduldig Wartenden später einen Hauch des Entzückens ausstießen, als Daisy auf das Gepäcklaufband gesetzt wurde. Wie es dazu kam und dass es überhaupt dazu kommen musste, verdanken wir einer Salami.
Ja, Sie haben richtig gelesen: einer Salami mit ziemlichen Umfängen. Sie war mit weiteren ihrer Art dazu auserkoren gewesen, auf der langen Reise in der Türkei meinen Bedarf an Fleisch der europäischen Art zu decken. Nun war es eine weniger, aber Daisy hörte nun nicht etwa auf. Sie speiste auch direkt am Tag der Abreise noch und konnte ihre Verdauungstrakte nicht räumen (Ärzte nennen das „Obstipation“, ich sage dazu „Verstopfung“). Und bei der Essliebe eines Cockerspaniels kommen da schnell 3 kg in 48 Stunden zusammen – so lange währte die Körperlast meiner Daisy bereits.
Aber sollte ich deshalb nun meine 7 wöchige Segelreise abbrechen? Alles war bezahlt und während der Ferienzeit sind die Preise doppelt so hoch wie in normalen Zeiten. Und deshalb standen wir hier am Abfertigungsschalter. Endlich war die Schlange bei uns gelandet. Und ich konnte mir einen Kommentar über die längste 20-Personen-Abfertigung, die ich je an einem Flughafen erlebt hatte, verkneifen. Das war gut so, sollte aber nicht wirklich nützen. „Ich möchte die Gebühr für meinen Hund bezahlen.“ erklärte ich der jungen Dame.
Ein ehrlicher Transport meines ohnehin nach erfolgtem Salami-Darmverschluss zu schweren Hundes sollte für mich Ehrensache sein – die Regeln lassen eigentlich nur 6,5 - 8 kg zu. Und gerade diese Ehrlichkeit sollte mir zum Verhängnis werden. Nicht wirklich, denn ich habe gerade noch genug Geld, um mich aus einem Verhängnis dieser Größenordnung auszulösen. Glücklicherweise! Aber zurück zur Abfertigung – oder: Check-in zu Neudeutsch. Die junge Abfertigerin aber stellte die Forderung, vor der mir seit zwei Tagen graute. Ich habe graue Haare, aber in jenen zwei Tagen waren mir ob der Vorahnung einer solchen Katastrophe tausende Neuer ergraut. Dreimal darf der geneigte Leser raten, ja genau diese Forderung war es. Eine Frage, die alle Hoffnungen auf ein gutes Ende in Frage stellten würde. Und wer war schuld? Natürlich nur ein kleiner dummer Hund, dem die Salami im Schlund wichtiger war als ein Platz in der Kabine. Nun, dafür ist der Hund nur ein Hund – der Mensch denkt da weiter.
Er denkt an die Folgen seines Tuns, an den Führerschein, der nach durchzechter Nacht verloren ist, an den Verlust des Arbeitsplatzes nach Nichterscheinen, oder aber auch – wie ich in diesen Tagen – an das mögliche Scheitern eines wunderschönen wochenlangen Urlaubstörn an Bord unserer Daisy.
Wie ein Messer rammte sich die Aufforderung in mein Herz: „Stellen Sie den Hund auf die Waage“. Und das Messer bohrte sich bis hinauf in meinen Kopf, als ich den Ekel bemerkte, der die Abfertigerin beim Anblick meines Hundes überkam. Nun kann ich das gut verstehen. Bereits im ersten Buch über unsere gemeinsamen Eskapaden erwähnte ich, dass ich in der „Zeit vor Daisy“ kein Hundefreund war. Wie also sollte ich das von anderen Menschen verlangen können? „Nun stellen Sie den Hund schon auf die Waage.“ Ich nahm die Daisy aus der Tasche und vernahm jenes seltsame „Oh, Ah. Guck mal.“ Die wartenden Passagiere waren entzückt – und ich möchte mich hier gleich noch einmal für deren Geduld bedanken, die sie während dieser endlos scheinenden Verhandlungen aufbrachten. Daisy saß auf der Waage, ihre Vorderpfoten auf meinem Arm: 6,4 Kilogramm zeigte die Anzeige – das erschien angesichts des Vorgesagten selbst mir zu leicht. „Sie halten sie ja hoch.“ Nun setzte ich Daisy ab, worauf die Anzeige auf 9,4 sprang.
Bis heute ist mir nicht klar, weshalb der Abfertiger am Nebenschalter lauthals die Summe von 12 in den Raum warf. Ich kann es mir nur so erklären, dass dieser helleseherische Ahnungen gehabt gehaben musste, die er hier laut Kenntnis gab, denn sdie Anzeige konnte er keineswegs sehen. Trotzdem: 9,4 waren bereits zu viel. Und so stellte ich anheim, den zuständigen Mitarbeiter beim „Ground Handling“ – neudeutsch für Bodenpersonal – nach einer Lösung zu fragen. Die Wartenden hinter uns warteten und warteten und ich drehte mich um, um mich bei denen zu entschuldigen. Schliesslich weiss ich, welchen Stellenwert die langersehnte und nun endlich bevorstehende Urlaubsreise bei Menschen hat, die das ganze Jahr hindurch fleissig arbeiten.
Aber die junge Abfertigerin P. (ich ändere aus gutem Grunde den Namen, aber das lesen Sie in einer anderen Geschichte) – sie selbst ist Mutter – war auch angesichts der vier Kinderaugen, die hinter mir in der Reihe warteten, nicht zu erweichen. Sie würde mir keinen Ansprechpartner geben. Dazu wäre sie nicht verpflichtet. Und sie wäre es doch gewesen! Allerdings weiss ich das, denn ich kenne vielerlei Fragesituationen als Reisender mit „Hund in der Kabine“, wo jeweils in Ermangelung anderer Entscheider schliesslich der Flugkapitän zu entscheiden hatte, was geschehen würde. Dabei kenne ich keine einzige Entscheidung, in der der Fluggast schliesslich nicht hätte fliegen können.
Sicher gibt es solche dennoch, wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist. Flugkapitäne sind kluge und gebildete Menschen. Sie sind Spezialisten der Lüfte und sie haben Verantwortungsbewusstsein. Das macht sie zu Menschen, denen wir unser Leben beruhigt anvertrauen. Aber eben jenes Verantwortungsbewusstsein lässt sie auch Entscheidungen treffen, die Nutzen ohne Schaden vom Schaden ohne Nutzen trennen können. In diesem Falle jedoch gab es keine solchen Versuche und so sollte ich einen Schaden ohne wirklichen Nutzen haben. Und doch gab es eventuell einen Nutzen: Die Genugtuung einer Abfertigerin – Name ist mir inzwischen sehr wohl bekannt – mir, diesem unverschämten Menschen, dem zwischenzeitlich in der scheinbaren Ausweglosigkeit der ganzen Situation das Wort „Hören Sie auf zu zicken“ entglitten war, zu zeigen, wer hier das Sagen und die Macht über eine Urlaubsreise hat. Da half es wohl nichts, dass ich mich gleich dreimal in aller Form entschuldigte.
Denn: Bis dahin war immer von einem „Eigentlich geht das nicht.“ die Rede gewesen – und das war mir klar. Nun aber kehrte sich das Blatt endgültig und die junge Frau griff erneut zum Hörer, um – wem auch immer - ihr Leid zu klagen und dafür zu sorgen, dass das eintreffen würde, was im Folgenden geschah. Zu mir gerichtet trafen diese Worte wie ein Pfeil ins Herz: „Jetzt erst recht. Ich werde dafür sorgen, dass sie nicht fliegen.“ Ich war am Ende und hatte die Warteschlange zu verlassen, um meinerseits nach anderen Lösungen zu suchen. Wer konnte meinen geliebten Hund abholen?
Das war dann nach erfolgloser Rücksprache mit einem Call-Center-Agenten der Fluggesellschaft klar. Denn dort verstand man sich ebenso nicht auf die Möglichkeiten, Ausnahmen von Regeln im Interesse einer Fluggastes zu finden. Ein Käfig zum Gepäckraumtransport sollte her, aber die Fluggesellschaft hätte ihn nicht. In ihrer Lust am fremden Frust hatte P. natürlich auch die Gepäckabfertigung aber auch den Veterinär am Flughafen nicht kontaktiert, denn die hätten ein solches Gerät gegen Bezahlung zur Verfügung gestellt - so wurde mir später bekannt. Da war dies indes nicht mehr nötig. „Bitte checken Sie mich doch schon einmal allein ohne Hund ein.“ Mein Ansinnen war erfolglos. Dies lehnte die Abfertigerin ab.
Ich bin kein Michael Kohlhaas, wenn ich in diesem Moment auch fast zu einem solchen geworden wäre. Nun, wenn ich schon nicht fliegen konnte, sollte dann doch wenigstens die Daisy schon einmal losfliegen. Und so geschah es auf Flug XQ 139 um 20.05 ab Schönefeld. Und Abfertigerin P. (wohlbemerkt, der Name wurde geändert) – nunmehr am Flugsteig - bemerkte dies bei der Kontrolle der Bordkarten nicht. Ein Glück ...
Ich indes plünderte schnell meine gesamte Reisekasse, erhielt einen zwei Stunden späteren Flug nach Istanbul und acht weitere Stunden später einen Anschlussflug nach Dalaman. Taxikosten von Flughafen Sabiha bis Flughafen Atatürk glatte 150 € ,Gesamtkosten: knappe 1200 €. Aber Geld ist nicht alles, wenn es auch in diesem Moment die einzige Rettung war. Wie gut, dass ich mir und meiner Daisy die Freiheit so erkaufen konnte. Wie ungerecht mögen jene denken, die von 1200€ den ganzen Monat überleben müssen. Und sie haben recht.
Denn: Wie wäre es gekommen, wenn ich in der finanziellen Position jener Abfertigerin P. gewesen wäre? Dann wäre mein langersehnter und ein Jahr lang ersparter Sommerurlaub geplatzt. Und das alles, weil man eben „Zicke“ nicht sagt.
Epilog folgt ... 
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