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Verloegenheiten

Wieder einmal stellte sich die Frage nach dem Ursprung der Henne oder des Eis. Macht die Verlegenheit Menschen zu Lügnern oder ist es die Lüge, die Menschen verlegen macht? Letztere sind vielleicht die besseren Menschen.

Der Vorfall hätte ein weiteres Kapitel in meinem Buch „Lehr- und Wunderjahre einer Hundedame“ aufgeschlagen, wäre das Buch nicht bereits im Druck gewesen. Ein Vorfall, der den Verfall jener Anstandsnorm in unserem Land nur allzu gut beschreibt, die da heißt: Wiedergutmachung.

Ich war mit Daisy gerade aus dem Sommerurlaub zurück, hatte ihre Vorderpfote in einen weiß-roten Verband legen lassen. Sie war am letzten Tag den Niedergang unseres Schiffes hinuntergesprungen, hatte sich den Nagel eingerissen – eine schmerzhafte Verletzung, die auch wir Menschen kennen. Und wahrscheinlich war es ihre mangelnde Mobilität, die sie zum ersten Mal in ihrem Leben in die Opferrolle versetzte.

Wie immer vollzog sie ihr Geschäft in einem der dichten Gebüsche. Madame ist eben schamvoll. Zwei große Hunde näherten sich – angeleint an der Hand eines bieder aussehenden Mannes – in weißen Socken und Sandalen.

Daisy hatte da wohl denselben Eindruck, den auch ich hatte: Hier drohte keine Gefahr. Trotz alledem ging sie ein wenig zur Seite, nicht genug, um der Länge der gespannten Hundeleinen Rechnung zu tragen. So schnupperten beide Hunde an ihr herum, wie das eben so üblich ist. Da plötzlich packte sie einer der Hunde aus heiterem Himmel am Hinterteil. Sie sprang zurück, und mit einem Ruck, der den Hundehalter fast aus seinen Sandalen riss, biss der Hund ein zweites Mal zu. Daisy quietschte lauthals. Ich schrie gegen die Zerfleischung vor lauter Angst an: „Machen Sie doch etwas.“ Aber keiner von uns beiden hatte die Sache im Griff. Weder konnte ich dazwischen gehen, noch konnte der Herr in weißen Socken schnell genug reagieren. Schon war der zweite Hund bereit, den Hals meiner Cockerdame zu fassen, als sie sich losriss und winselnd im Gebüsch verschwand. Dort blieb sie, bis endlich die Polizei kam.

Eigentlich hätte sie nicht kommen müssen, denn wir hatten bereits Einigung darüber erzielt, dass ich den Hund zur Diagnose einem Tierarzt vorstellen würde und dem „sandalösen“ Hundehalter die Rechnung schicken würde. Ratlosigkeit, woher wir einen Stift bekommen würden, damit ich die Adresse aufschreiben kann. Wenige Meter weiter signalisierte eine Passantin: Ich habe es gesehen. Aus dem Maul des Beißers ragte rot-braunes Fell – Fellfetzen von Daisy. „Sie brauchen mich nicht mehr?“ sagte die Passantin angesichts der Einigkeit, die hier vorherrschte. Der Mann war hilflos, als ich ihm bedeutete, dass ein Kleinkind unter diesen Bedingungen keine Chance gehabt hätte.

Die Frau war verschwunden, ich wollte einen Stift aus dem anliegenden Geschäft holen, als der Hundehalter plötzlich einschwenkte. „Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, mein Hund hat doch überhaupt nichts getan.“ Da platzte mir der Kragen – und wohlwissend, dass die Polizei wichtigeres zu tun hat – wählte ich die Nummer, die da Hilfe verspricht.

Ein zierliche Polizistin nahm sich der Sache an. Und dann lernte ich, wie Verlegenheiten sich durch einen einzigen Buchstaben in Verlogenheiten wenden können. Er zeigte mich als den Halter des noch immer im Gebüsch winselnden Opfer-Cockers an: „Der Hund war nicht angeleint.“ Dass er auf unbelebter öffentlicher Straße nicht angeleint sein muss – wie auch die Polizistin ihm erklärte – nahm er überhaupt nicht zur Kenntnis. Soweit habe ich ja noch Verständnis für eine Schutzbehauptung.

Die Polizei sei hier, weil er mich anzeigen wollte – aber ich selbst hatte sie doch gerufen. Die Polizistin examinierte meinen Cockerspaniel. Der Hund zuckte deutlich beim Berühren des Hinterteils – eine Wunde war in dem dichten Fell nicht zu erkennen. „Ich möchte nur die Halterfeststellung, denn ich werde den Hund einem Tierarzt vorstellen.“ So ließ ich mich ein.

Herr L.: Aber es gebe gar keinen Grund, die Hunde hätten noch nie etwas getan – so scheinheilig glaubten das nicht einmal die Polizisten. Meine kriminalistischen Fähigkeiten basieren ausschließlich auf Filmen. Wie sollte ich den Mann überführen, der den Polizisten weismachte, da wäre gar nichts geschehen. Da schoss mir eine Szene aus einem alten Spielfilm durch den Kopf. Ich zeigte bewusst auf den falschen Hund – lamentierte laut: „Dieser Hund hat meinen Hund gebissen.“ Der Polizist macht eine beruhigende Handbewegung in meine Richtung. Doch der Hundebeißer-Halter hatte sich schon verraten: „Es war ja der andere.“ Ertappt. Beide Polizisten hatten das Indiz verstanden. Nun folgten allerlei Ausweichbehauptungen. Ja, der Hund hätte nicht richtig gebissen, nur gezwickt. Nein, die Hunde brauchen keinen Hundepass und Hundemarke, sie sind aus dem Ausland. Nein, die Hunde brauchen keine Impfung. Sie gehörten ihm ja gar nicht - und schließlich sei er selbst ja über ein halbes Jahr im Ausland. Alles nur Gäste – und mein kleiner Hund wartete in sicherer Entfernung auf den Gang zum Tierarzt, den er selbst nicht gern tat. Aber – was sein muss, muss sein. Und wenn wir den Gang nicht gemacht hätten, wäre er vielleicht gestorben. Eine Blutvergiftung wäre jedenfalls sehr wahrscheinlich gewesen.

Bernd L. hätte – ganz selbstverständlich - auch dafür die Verantwortung nicht übernommen, hätte vielleicht verlegen kondoliert. Hätten Sie keinen Hund, wäre das nicht passiert.





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WUNDERSAMES RECHTSEMPFINDEN TEIL I

Eine tiefe Bisswunde (li. Bild) und ein Anwalt, der sie für "fingiert" hält (re. Bild).

Tja, und unsere Antwort darauf kann der Interessierte als PDF hier lesen.





WUNDERSAMES RECHTSEMPFINDEN TEIL II



Wie Opfer zu Tätern stilisiert werden: "Daisy - der aggressive Cockerspaniel".

 

 

 

 

 

 

 

Ja, sollte es denn wirklich keine Chance geben? Wir leben doch nicht mehr in Zeiten des Michael Kohlhaas.