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Lehr- und Wunderjahre einer Hundedame


„Fünf Minuten. Wir kommen gleich wieder.“ Ja, es kommt selten vor – und wahrscheinlich muss es dann auch so sein. Aber schön ist das nicht. Was immer dieser Satz bedeutet, für mich bedeutet er immer eine lange Langeweile. Was soll ich allein tun? Hole ich mir die Wurst aus dem Regal, gibt´s nachher Ärger. Also lasse ich das lieber. Die Papiere auf dem Tisch sind wahrscheinlich ziemlich wichtig. Die sollte ich besser auch nicht zum Spielen benutzen. Ich lege mich also hin, schiebe mir meine Decke so richtig gemütlich hin – und tue das, was Menschen und Tiere wohl gleichermaßen ungern tun. Warten.

 Gleich wieder kommen – von wegen. Das sagen sie immer. Und ich darf hier bleiben. Wer weiss, was jetzt so alles ohne mich geschieht. Ein armer Hund bin ich. Ich geh am besten mal zur Tür. Vielleicht kommen sie ja doch schon wieder. Am Futternapf vorbei. Eigentlich sollte ich schnell noch etwas essen. Ein bischen Wasser danach. So, jetzt ist mein Futternapf schon leer. An der Tür ist alles ruhig. Vielleicht war ich ja doch etwas zu früh.

 Ich warte hier mal einen Moment, lege mich auf die Fußmatte. Eine dicke Fliege setzt sich zu mir, direkt vor meine Nase. So dick und doch schneller als ich. Sooft ich es auch versuche, ich kriege sie nicht zu schnappen. Ach ja, Fliege müsste man sein. Ich könnte einfach hinter Herrchen hinterherfliegen. Da könnte er gar nichts machen. Ich würde einfach überall dabei sein können. Und niemand könnte sagen: Warte mal fünf Minuten. Halt, die Sache hat einen Haken. Herrchen mag Fliegen nicht.

 Habe ich da etwas im Hausflur gehört? Da spricht doch jemand. Da geht eine Tür. Und wieder ist alles ruhig. Ich werde erst einmal durch die Wohnung gehen und gleich noch einmal zurück zu Tür kommen. Vielleicht war ich ja doch etwas zu früh. Vielleicht sind die fünf Minuten ja noch gar nicht um.

 In unserem Schlafzimmer ist es ganz dunkel. Ich sollte mich einfach mal aufs Bett legen. Ach, ist das schön. Ich könnt glatt einschlafen hier. Aber dann höre ich ja wieder nicht, ob die Tür geht, ob das Warten endlich ein Ende hat. Am Fußende liegt ein Hemd von Herrchen. Ich werde es mir mal mit in mein Körbchen nehmen. Langsam schleift das weiße Hemd hinter mir her über den Fußboden bis in die Küche.

 Da bellt ein Hund. Ich lasse alles stehen und liegen, besonders das weisse Hemd und renne, was das Zeug hält. Wo bellt der? Das Balkonfenster steht offen. Ja, da kommt der Lärm her. Ich gehe hinaus, aber hinunterschauen geht nicht. Eine kleine Ameise läuft an mir vorbei. Wäre ich jetzt eine solche Ameise, ich könnte durch die Tür hindurchkriechen, im Hausflur nachschauen, vielleicht sogar die Treppen hinunter auf die Straße. Ob Herrchen nun endlich zurückkommt?

 Meine Ohren werden immer länger. Was ihr so mit mir macht. Lasst mich einfach hier allein und macht euch einen schönen Lenz. Und ich? Ich darf hier rumsitzen. Im Wohnzimmer steht ein Glastisch. Vielleicht liegt dort wie gestern die Schokolade rum. Wenn ich schon warten muss, kann ich mir ja ein Stück holen. Ich springe auf unsere schöne dunkelrote Ledercouch. Alles leer, alles sauber. Pech gehabt.

 Aber ein Handtuch finde ich auf meinem Weg ins Badezimmer. Ich sollte es einfach mit ins Körbchen nehmen. Wer weiss, wie lange ich noch warten muss. Wieviel Stunden, wie viel Nächte gar wird es dauern bis ich nicht mehr allein bin. Fünf Minuten, das ich nicht lache. Mit mir könnt ihr es ja machen. Ich dummer Hund glaube euch auch alles.

 Hätte ich nur gedrängelt. Vielleicht hätte ich Herrchen ja weichgekriegt. Ich könnte ja im Auto warten. Das wäre interessanter. Langsam kriege ich Panik. Was ist, wenn sie jetzt einen Autounfall haben und nie, nie wieder zurückkommen. Ich hier ganz allein in der Riesenwohnung. Was soll ich bloss machen? Und mein Futter ist auch schon alle. Ich hätte es mir vielleicht einteilen sollen. Spar dein Brot, dann hast du in der Not. Hätte ich nur daran gedacht. Wasser ist ja noch für ein, zwei Stunden da. Ich könnte es ja auch langsam trinken. Dann reicht es vielleicht fünf Stunden. Aber wird es auch fünf Tage reichen? Was mache ich in einer Woche, wenn die nicht wiederkommen?

 Nie denkt Herrchen an mich. Immer nur an sich – und irgendwann auch mal an mich. Wann kriege ich schon mal ein Schmacko außer der Reihe? Heute früh, als wir vom Bäcker kamen, gab´s das letzte Mal Schmacko. Das ist jetzt sicher auch schon zwei Stunden her.

 Ich würde das anders machen, wenn wir tauschen würden. Ich würde dir jeden Tag dein Futter geben. Und viele, viele Schmackos. Und was kriege ich? Mein Futternapf ist jetzt schon ewig leer. Mindestens fünf Minuten. Wie ich diesen Ausdruck liebe: Fünf Minuten. Eine Qual ist sie, diese ewige Warterei. Und ich stehe immer an letzter Stelle. Nie darf ich mitgehen.

 Gerade erst vor drei Wochen war es - oder war es bereits im März? – da musste ich hier Stunden zu Hause bleiben. Ich dürfte nicht mit ins Theater. Dass ich nicht lache. Hättet ihr mich nur mitgenommen. Ich hätte das schon geregelt. Wär doch gelacht, wenn ich die Einlasser nicht rumgekriegt hätte. Und nun muss ich hier schon wieder allein sein. Für fünf Minuten. Hoffentlich nicht für immer. Ich werde jämmerlich verhungern und verdursten.

 War da was? Da war doch ein Geräusch. Im Hausflur sind Stimmen zu hören, der Fahrstuhl fährt. Die klapprige Eisentür wird aufgeschlossen. Jemand steigt in den Fahrstuhl ein. Ich höre es ganz deutlich. Ich mag diesen Fahrstuhl nicht. Er macht mir Angst. Jetzt fährt er an. In jeder Etage klackt er einmal laut. Ich habe es deutlich zweimal gehört. Nein, nicht dreimal. Der Fahrstuhl bleibt direkt bei uns stehen. Kein Zweifel. Die Stimmen sind mir bekannt. „Einen schönen Tag noch.“ Das ist doch Herrchens Stimme. Dann geht gegenüber eine Tür. Ruhe. Ja, und was jetzt?

 Da geht unser Schloss. Die Tür bewegt sich. Ich durch den ersten Spalt hinaus. Vor mir steht ein Riesensack Hundefutter. „Schnell an deinen Fressnapf. Du musst was essen. Und dann müssen wir beide ganz schnell los.“

 

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Avantgarde Creations

Daisy´s Co-Autor zum Buch



Würde ich nur meinem Wissen und meinen Grundsätzen vertraut haben, würde es dieses Buch nicht geben. Es gäbe nicht einmal eine Situation, die in diesem Buch beschrieben wurde. Es gäbe viele Menschen und Dinge in meinem Leben nicht.

So bin ich froh, dass ich meine Entscheidungen zuweilen auch aus einem „guten Gefühl“ heraus getroffen habe. Und ich habe gelernt, dass dieses „Gefühl“ wahrhaftiger sein kann als jeder Beweis.

Die Wunderjahre mit Daisy haben mich vieles gelehrt. Und sie haben neben tausendfachem Lächeln viele Menschen dazu gebracht, Entscheidungen zu treffen – Entscheidungen, eingefahrene Wege zu verlassen.

Sie waren ein wenig glücklicher danach.

Reinhard Wöbke